Toleranz und Dämonologie im Werk Rudolf Steiners

Man braucht kein besonderer Kenner zu sein, um die denkbar größten Widersprüche im Werk des Anthroposophie- Begründers Rudolf Steiner zu entdecken- etwa in Bezug auf religiöse Toleranz, oder in Bezug auf rassistische Zuschreibungen. Eigene Einstellungen, Weltbilder, Lifestyle oder politische Positionierungen mit Zitaten aus dem Werk belegen zu wollen, stellt immer dann einen Missbrauch dar, wenn man nicht den Kontext mitbedenkt, aber auch gegensätzliche Aussagen und Haltungen Steiners. Das Werk kann niemanden aus der Verantwortung entlassen, die er selbst mit seinen Positionierungen und mit seinem Handeln einnimmt. Das über Jahrzehnte betriebene beliebte Verfahren, Rudolf Steiner über die Analyse zu erheben, und damit die tiefe Widersprüchlichkeit des Werks zu ignorieren, führt in eine Selbstbetäubung und Ignoranz mit kultischen Zügen. Solche Haltungen verderben die Essenz des Werks, führen zur Abgrenzung, Leugnung und Fanatisierung.

Ein verantwortlicher Umgang mit dem Werk wird die Augen vor dem offensichtlich Abgründigen nicht verschließen - aber auch das erschließen können, was zur reifen und emanzipierten Reflexion beiträgt, die die spirituellen Aspekte individuell zugänglich und fruchtbar machen kann. Anthroposophie kann in diesem Sinn nie fertig sein, sondern bedarf immer der persönlichen Interpretation, Aufarbeitung und Durchdringung, wenn man nicht einem naiven Realismus verfallen will.

Nehmen wir ein Beispiel. In Vorträgen in Stockholm 1912 ging Rudolf Steiner im Rahmen der christlichen Initiation auf das echte Rosenkreuzertum ein, in dem „alles Persönliche (..) ausgeschlossen sein“ sollte, denn das nur „Persönliche hat nur Streit und Hader in die Menschheit gebracht und wird es in der Zukunft immer mehr bringen“. (1) Die dabei gemeinte „unpersönliche“ Ebene hat sich aus dem nur ich- bezogenen Denken befreit, aus der Perspektive des Sich- Fühlens und Sich- Spiegelns. Das - so Steiner - sei der Grund dafür, dass die Geheimhaltung bei den seit der Renaissance tätigen führenden Rosenkreuzern mindestens hundert Jahre nach ihrem Tod beibehalten wurde- das „Okkulte“ selbst in Bezug auf den Namen solcher Individualitäten sollte jeden persönlichen Kult verhindern.

Worauf es ankam, war die Inspiration aus einer Ebene des Logos, des nicht von dem Persönlichen berührten Bewusstseins - einer Ebene, die nicht von religiösen Bekenntnissen berührt wird, sondern in der Sachlichkeit eines Faktischen wurzelt, die Steiner auch „Christus- Bewusstsein“ nennt. Es ist zugleich eine Ebene, die sich „nicht aus menschlicher Willkür“ heraus begründet, sondern in der existentiellen Sachlichkeit „Liebe, Friede und Verständnis“ (2) verbreitet. Das führe in seiner Konsequenz zu einer Toleranz, in der man z.B. niemals, „wenn wir als Abendländer einem Buddhisten entgegentreten, ihn überredend oder zwangsweise zu einem Christen machen wollen, weil wir glauben, dass das, was ihm selbst gegeben ist und was als das das Tiefste in seiner Religion enthalten ist, ihn schon zum Christus hinführen wird. Wir glauben vor allen Dingen seiner eigenen Wahrheit.“ (3) Die unpersönliche Ebene begründet ein tiefes gegenseitiges Verstehen der jeweiligen Impulse, „wo der Mensch zusehen und aufnehmen darf, was ihn mit dem Göttlichen verbinden kann“ (4) ohne jedes „Unfrieden stiftende Bekenntnis mit einem religiösen Führer persönlicher Art.“ (4) Die Selbstgewahrwerdung - d.h. Initiation-  sei vielmehr Harmonie und Verständnis stiftend, ohne sich gegenseitig Paradigmen aufdrängen zu wollen. Erst auf dieser Ebene sei man tatsächlich Anthroposoph- unabhängig davon, ob man christlichem oder buddhistischem Bekenntnis folge.

Es ist dann schon erstaunlich, wie weit Rudolf Steiner sich zwölf Jahre später, am 11. September 1924, im Rahmen des Priesterkurses zur Apokalypse des Johannes, selbst widerspricht- denn die Toleranz, die er gegenüber dem Buddhismus bezieht, findet sich in Bezug auf den Islam - den er in seiner arabistischen Hochkultur, aber auch - vage- in Bezug auf den Mohammedismus ohne nähere Ausführungen verdammt- nicht. Er sieht im Islam in den von ihm dargestellten kulturellen Spielarten die Rolle des globalen Gegenspielers „gegen das christliche Prinzip im Menschen“ (5) und spricht ihm gleichzeitig jede eigenständige innere Entwicklung ab. Die „Vertreter des Arabismus in Europa“ hätten durch den Darwinismus die Vorstellung des dem Tierreichs entsteigenden Menschen geprägt- aber auch eine rein deterministische Sicht auf den Menschen: „Da kann der Mensch sich nicht selber finden.“ (6) Denn der Islam „kennt nur die starre Lehre.“ (6)

In diesen Zusammenhang fügt Rudolf Steiner eine bekannte historisch- okkulte Deutung des Bösen hinzu, das sich „der damaligen Gesinnung der römischen Kirche bediente“ (7) und in einer weiteren Eskalation den Templer- Orden vernichtete. Die angesprochene „Gesinnung“ freilich war - was Steiner verschweigt- in ihren Spielarten von Inquisition und Gegenreformation gerade der Bekämpfung der liberalen maurischen Hochkultur in Spanien entsprungen, in der die religiösen und gesellschaftlichen Kräfte in einer für die Zeit bemerkenswert toleranten und freizügigen Art miteinander agiert hatten. Dieser weltoffenen „arabistischen“ Blüte mit ihren gesellschaftlichen, medizinischen, kulturellen und wirtschaftlichen Höhepunkten Entwicklungsmöglichkeiten abzusprechen, erscheint aus heutiger Sicht mehr als widersprüchlich. Diese Blüte wurde aus reaktionären Motiven genau so zerstampft wie der global aufgestellte Templer- Impuls.

Der Furor, mit dem Rudolf Steiner seine drastische und undifferenzierte, pauschale und apokalyptische Attacke gegen den Islam ausrichtet, hat aber einen aus den Vorträgen ersichtlichen Subkontext, der immer wieder aufschimmert: Es geht ihm im Kern um die Bedeutung der Transsubstantiation, die auch innerhalb der Priesterschaft der Christengemeinschaft seit Jahren diskutiert worden war (8). Es geht darum, ob diese symbolisch oder als tatsächlich geistiges Geschehen aufzufassen sei. Die oben angesprochene „unpersönliche Ebene“ - die Realität des Geistes- ist für Rudolf Steiner die Kernfrage in Bezug auf den christlichen und damit auch anthroposophischen Impuls. Der Furor Steiners richtet sich mithin gegen Priester und Anthroposophen, die materialistischen Vorstellungen verhaftet bleiben würden, die er vom Islam, Teilen des Katholizismus, Dämonen und Darwinisten determiniert zu sein behauptet. Die „Vertreter des Arabismus in Europa“, die er als dämonische Gegenspieler wittert, sitzen eben auch in den eigenen Reihen. Der in geradezu mittelalterlicher Manier verdammte Islam steht in dieser internen Auseinandersetzung ganz offensichtlich nur als Projektionsfläche und als Sündenbock- als Chiffre für diejenigen, die Steiners spirituellen Ansprüchen nicht genügen wollten oder konnten.

Lorenzo Ravagli geht in einer Besprechung von Christian Clements sechstem Band der kritischen Ausgabe „Notwendig ein Torso. Zu Band 6 der kritischen Steiner-Ausgabe – #1“ auch diesen scheinbar unauflöslichen Widersprüchen in Steiners Werk und Wirken nach, die ja auch eine scheinbar ebenso unvermeidlich unversöhnliche Diskussion über die Frage ausgelöst haben, ob und wie weit anthroposophische Literatur nach wissenschaftlichen Maßstäben beurteilt, kategorisiert und kontextualisiert werden kann und darf. Dieser scheinbare Widerspruch löst sich nach Clements Darstellung auf, sobald die geistige Ebene nicht mehr im Sinne eines naiven Realismus als „vorhanden“ vorausgesetzt, sondern verstanden wird als sprachlich- bildliche Hinweise auf eine Ebene, die vom Leser oder Hörer in seinem eigenen Erleben erst geistig erschlossen und realisiert werden kann und muss. Initiations- Texte sind nicht naiv als „Information“ hinzunehmen (etwas, worauf auch Georg Kühlewind eine Generation zuvor immer wieder hingewiesen hat), sondern als Katalysatoren einer aktiven Realisation des Rezipienten; sie verfolgen „initiationsdidaktische Absichten“:

Daher ist es nur konsequent, wenn er als Theosoph das Ziel verfolgte, die »uralte Weisheit« (die philosophia perennis) aus einer »Transzendenzlehre« mit quasi-religiösem Charakter in eine »Darstellung der menschlichen Wirklichkeitserfahrung bzw. -hervorbringung« umzuwandeln. Seine Schriften verlangen den Lesern ab, die Welten, die er vor ihren Augen heraufzaubert, »nicht als transzendente, an sich bestehende Orte« vorzustellen, »die unabhängig« vom Bewusstsein bestehen, das sie erlebt, sondern »als transzendentale Modi von Wirklichkeitserfahrung«. Was ist damit gemeint? Diese Welten entfalten sich um den Menschen herum, je nachdem, welche Denk- oder Anschauungsformen er realisiert. Eine »Seelen«- oder »Geisterwelt« existiert nach Clement nicht an sich, sondern nur für den Menschen, der sie durch sein Denken und Anschauen hervorbringt. Der Mensch als seelisches oder geistiges (oder leibliches) Wesen existiert also ebensowenig an sich, sondern nur insofern, als er sich als solches durch sein Denken und Anschauen hervorbringt. Nur: wer bringt das Denken und Anschauen des Menschen hervor? Noch einmal betont der Herausgeber: Steiners theosophische Texte »bilden nicht« eine seelische oder geistige Wirklichkeit »ab«, sondern schildern »seelische und geistige Erlebnisse« – die freilich »in Bilder und Begriffe rückübersetzt« sind, die vom gewöhnlichen Bewusstsein verstanden werden können. Außerdem verfolgen Steiners Texte eine initiationsdidaktische Absicht: sie beabsichtigen nicht die Information des Lesers über eine objektiv vorhandene Wirklichkeit, sondern dessen Transformation, sie verstehen sich als »Katalysatoren« für die Entwicklung im Rezipienten zunächst verborgener »Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeiten für Seelisches und Geistiges«.“ (9)

Allerdings ist das an eine Autorität wie Steiner anlehnende Aufsaugen von okkulten Informationen im Sinne eines naiven Realismus der deutlich bequemere Weg. Zudem hat Steiner selbst zwar auf den hinweisenden Bildcharakter seiner Arbeiten und Äußerungen immer wieder explizit hingewiesen- schließlich wäre sein Werk in dieser Auffassung genau das, was er am Islam so vehement kritisiert: er „kennt nur die starre Lehre.“ (6) Andererseits hat er selbst bestürzend ungehalten reagiert, wenn Mitglieder oder Priester die intendierte Ebene - siehe die Äußerungen im Zusammenhang mit der Transsubstantiation - aus seiner Sicht verfehlten. Das Aus- und Fortspinnen der naiv aufgefassten bildhaften Geisterwelten mit den unterschiedlichsten Gewürzen und Geschmacksrichtungen - vor allem aber mit suggestiven, sensationellen Anteilen - ist bis heute eine gängige Marketing- Strategie. Leicht verdauliche Esoterik- Kost boomt. Ebenso aber die Nutzung der aus damaligen Diskussionen entsprungenen radikalen, pauschalisierenden Äußerungen Rudolf Steiners - etwa in anthroposophisch- rechtspopulistischen Nischen. Die kritische Sichtung des Werks, wie sie Christian Clement vornimmt, die die Ebenen der Deutung und Bedeutung ebenso wie die Entstehungsgeschichte des Werks reflektiert, steht dagegen noch am Anfang- aber, immerhin: Der Anfang ist gemacht.


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1 Rudolf Steiner, Die drei Wege der Seele zu Christus, Dornach 1994/4, S. 149
2 dito, S. 150
3 dito, S. 150f
4 dito, S. 151
5 Rudolf Steiner, Apokalypse und Priesterwirken, Dornach 2001, S. 117
6 dito, S. 107
7 dito. S. 120
8 "Meine lieben Freunde, Ihr wißt ja selber, wie Eure Seelen mit der Schwierigkeit der Transsubstantiation gekämpft haben, als diese Bewegung für christliche Erneuerung inauguriert wurde, und wieviel von Euch noch heute weiter gekämpft wird mit den Schwierigkeiten in der Auffassung der Transsubstantiation. Wir können an manche Diskussionsstunde denken, die wir drüben in jenem Zimmer, von dem aus der Brand des Goetheanums seinen Anfang genommen hat, gerade über die Transsubstantiation hatten. Denn in der Transsubstantiation ist ja die ganze Frage enthalten: Sohn und Vater. Und man möchte sagen: In dem Transsubstantiarionsstreit, wie er dann heraufgezogen ist im Mittelalter, liegt auch etwas von derjenigen Bedrückung, die die Menschheit im Streit zwischen Arianismus und Athanasianismus gesehen hat." Rudolf Steiner, Apokalypse und Priesterwirken, S. 109
9 https://anthroblog.anthroweb.info/2017/notwendig-ein-torso-zu-band-6-der-kritischen-steiner-ausgabe-1/?fb_action_ids=10209820384442080&fb_action_types=news.publishes

Kommentare

  1. "Der in geradezu mittelalterlicher Manier verdammte Islam steht in dieser internen Auseinandersetzung ganz offensichtlich nur als Projektionsfläche und als Sündenbock- als Chiffre für diejenigen, die Steiners spirituellen Ansprüchen nicht genügen wollten oder konnten".

    Übrigends hat sich nicht nur Steiner sehr kritisch zum Islam geäußert, bei Kühlewind gibt es eine ebenfalls sehr negative Einschätzung: In "Das Gewahrwerden des Logos" schildert er das Entstehen von materialistischen Kulturen (Freud, Marx) und spirituellen Strömungen, die "die Idee des Sohnes oder des Logos und damit auch die Idee des Heiligen Geistes nicht kennen...Der Prototyp einer solchen spirituellen Lehre ist der Islam. Im Grunde genommen ist das Christentum schon längst - zum Teil schon vor Mohammed - islamisiert, es hat keine klare Idee vom Sohn, es kennt den Logos in seiner schöpferischen und erkenntnishaften Bedeutung nicht" (S. 95)

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    1. Als gäbe es "den Islam" und als ob Religion das Individuum noch komplett determinieren würde. Schwach, Herr Kühlewind.

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    2. Zum Thema Anthroposophie und Islam (über den Steiner durchaus nicht nur Negatives zu sagen hatte) haben wir vor ein paar Jahren hier einiges zusammengetragen — ich möchte auch deshalb jetzt darauf hinweisen, weil der Artikel Ibrahim Abouleish zitiert, der vor knapp einem Monat über die Schwelle gegangen ist.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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    3. Vielen Dank für den Hinweis, Ingrid. Mir fehlt unter 8 noch ein Zitat bzgl der Diskussionen über den Kern der Transsubstantiation. Ich hoffe, das bald nachliefern zu können.

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