Transsubstantiation und Alchemie. Über den Rosenkreuzer Michael Maier

Michael Maier Wikipedia
In seinem Priesterkurs setzt Rudolf Steiner (1) in Bezug auf die „Wirksamkeit“ der Wandlung in sehr alten, vorgeschichtlichen Kulten an, indem er über das „Durchdrungenwerden mit der Substanz des Apokalyptischen“ spricht, das später, im christlichen Kontext, als reale oder symbolische Wandlung in der Transsubstantiation verstanden wurde. In einer Übergangszeit, die er nicht näher beschreibt denn als „halbalte Mysterien“, gab es eine „Probe“ des Priesters, die darin bestand, zu konstatieren, ob er in der Lage war, die Realität der apokalyptischen Wandlung wahrzunehmen: „Der Priester wurde erprobt in dem Augenblick, wo er vor die heilige Stätte hintrat und die alten Fermente anfingen, die Substanzen in den heiligen Kristallgefäßen so zu verwandeln, daß er in dem Kristallgefäß sehen konnte, wie die Substanzen Sonnenglanz verbreiteten. Das Gefäß, in dem eine kleine Sonne war, war eine Monstranz. Es war ein Sanktissimum, das heute nur nachgebildet werden kann. In dem Moment, in dem er das Sonnenglänzen des Sanktissimums sah, war er innerlich Priester geworden.“ (2)

Nachklänge eines solchen Wandlungs- Prozesses darf man wohl in dem Wirken der Alchemisten des Renaissance- Zeitalters sehen, die mit der spirituellen Wandlung - dem Entstehen des „Goldes“ als Synonym für den „Sonnenglanz“- Wandlungen der Substanzen, systematisches Experimentieren, Verstehen des Wirkens von Substanzen und Sternen, aber auch politische und religiöse Veränderungen verbanden- im Sinne einer Vereinigung und Befriedung der divergierenden religiösen und politischen Kräfte des Westens auch vor dem Hintergrund einer existentiellen Bedrohung durch heranrückende islamische Reitervölker im Osten.

Die innere Wandlung wurde in völliger Einheit mit dem experimentellen Arrangement betrieben. Nirgends wurde diese Suche intensiver betrieben als am liberalen Prager Hof Rudolf II, dem spirituellen Habsburger Herrscher der Renaissance, der, schwächlich geboren, am nach den Maurenkriegen bigotten spanischen Hof erzogen, als depressiver, manischer Kunst- Sammler und -Förderer auch die Glaubensfreiheit gegen den Katholizismus in seinen inquisitorischen Zügen verteidigte und daher die Nonkonformisten der Welt an seinen Prager Hof zog: „The period in which Rudolf grew up in Spain was, therefore, one of neoscholasticism and mysticism, of persecuted illuminists and burnt heretics, of extreme religious bigotry and political absolutism.“ (3)

Abgesehen von seinen persönlichen Schwächen, seiner Passivität in Bezug auf notwendige politische Entscheidung, der Depressivität und Neigung, absolutistisch in dem Sinne zu reagieren, dass er in entscheidenden Phasen die treuen Berater entließ und stattdessen auf Betrüger, Karrieristen und zwielichtige Okkultisten setzte, war Rudolf auch eingezwängt zwischen spanisch- päpstlichen Gegenaufklärern mitsamt ihres jesuitischen Anhangs an seinem Hof und der disparaten, radikalisierten evangelischen Mehrheit in seinem Land und in der Stadt Prag selbst. Rudolf regierte in den kaum zu ertragenden Spannungen am Vorabend des 30jährigen Krieges, und setzte dabei weniger auf politische Raffinesse und diplomatische Schachzüge als auf Kunst, Astrologen, Magier, aber auf auf Mathematiker, Astronomen und eben Alchemisten. Vielleicht illustriert sein Hofmaler Giuseppe Arcimboldo den Nonkonformismus Rudolf II schon eindrücklich genug, vor allem dessen Porträt seines Königs im typischen Stil des Früchte- und Obstkorbs- ein surrealistisches Porträt.

Trotz aller persönlichen Probleme Rudolfs hat er aber doch ein in seiner zerrissenen Zeit einmaliges Zeitalter der Toleranz konstituiert („Catholics worked and lived side by side with Protestants and Jews in tolerant acceptance.“ (3)) und die genialsten Köpfe seiner Zeit an seinem Hof zur Kooperation eingeladen. In seiner Gegenwart und durch seine Finanzierung wurde der Übergang von der antiken (Tycho Brahe) zur wissenschaftlichen (Johannes Kepler) Weltsicht vollzogen. Der Kampf um eine Befriedung einer zerrissenen Welt wurde bei Rudolf durch Hunderte von Alchemisten und viele Labore vollzogen, die einen höheren, für alle Menschen geltenden Geist suchten und damit die unmittelbaren Vorbereiter der politisch- spirituellen Rosenkreuzer waren.

Entgegen unserer heutigen Perspektive waren die Alchemisten und Rosenkreuzer eben nicht weltabgewandte Okkultisten, sondern die Vorreiter von Vernunft, Aufklärung und Humanismus: „Although they were considered – with magic – part of the ‘occult’ sciences, their higher purpose was to banish the darkness of ignorance and to attain enlightenment through knowledge.“ (3) Das lag an dem alchemistischen Axiom, dass das Experiment unteilbar mit der inneren Klarheit des Experimentatoren zusammen hing, und dieser Prozess führte zu vernünftigem Unterscheidungsvermögen, sofern der Alchemist kein Scharlatan war: „The alchemists believed in the alchemy of matter as well as the alchemy of spirit: if an alchemist was not spiritually pure, he would never achieve success in his experiments. To discover the Philosopher’s Stone was therefore an outward sign of inner enlightenment: the two aspects were inextricable.“ (3)

Eine der bedeutenden Figuren in Rudolfs Umfeld war der Alchemist Michael Maier (4), Alchemist, Doktor der Medizin und Philosophie, Leibarzt von Rudolf, aber auch Berater und Kenner des okkulten Altertums. Viele der Alchemisten bezogen sich auf ägyptische und chaldäische Weisheit. Seine Heilungserfolge am Hof waren legendär. „Maier was born in Rendsberg, Holstein, in 1566, and practised medicine at Rostock and then Nuremberg and Padua. By 1592, he had already excited the interest of Rudolf. After receiving his doctorate in medicine from Basle, he moved to Prague and joined the Emperor’s close entourage.“ Maier blieb dem Kaiser trotz dessen seelischen, psychischen und politischen Niedergangs bis zum Tod verbunden. Maiers Bücher aber wurden erst nach dem Tod Rudolfs - dann in dichter Folge- publiziert. Maier war Lutheraner, fasste aber die medizinische und alchemistische Betätigung als spirituelles Handeln auf. Umgekehrt sah er - hier der Zusammenhang mit Rudolf Steiners Aussage über die Wandlung der Fermente - die Wandlung am Altar als unmittelbaren alchemistischen Prozess- ein direktes Einwirken des Geistigen ins Physische.

Das erste unter dem Pseudonym Hermes Malavici von Michael Maier erschienene Buch (Arcana arcaninissa, 1614 - das Geheimnis der Geheimnisse) ist dann auch ein gleichnishafter Einweihungsroman, in dem der Protagonist auf der Suche nach dem Vogel Phönix nach Ägypten zieht, um durch Merkur in den Aufstieg des Phönix - als Symbol des Bewusstseins jenseits von Leben und Tod- geführt zu werden. Diese Alchemie des Geistes als ein Eingeweihtwerden in den Logos ist fern von schwammiger Mystik, sondern ein präziser, in der experimentellen Alchemie verwirklichter Akt höherer Vernunft. Es ist nur konsequent, dass Maier sich in seinen Publikationen selbst als Rosenkreuzer kennzeichnete- vor allem im 1619 erschienenen Buch Verum inventum: „Maier became an important figure in the Rosicrucian Movement, which tried to bring about moral and social reform through Hermetic enlightenment. He defended their ideals in his Verum inventum (1619).“ (3) In seinen weiteren, noch bekannteren Werken bemüht sich Maier in den alchemistisch- rosenkreuzerischen Symbolen um eine Einheit von Musik und Natur, wobei die Chymische Hochzeit den Sucher zum Stein der Weisen führt - Gleichnisse des Einweihungsprozesses - eine innere, schrittweise Verwirklichung. Einmalig bei Michael Maier ist die Einfügung von musikalischen Fugen in die allegorischen Texte, die den geneigten Leser zum Singen anregen sollten, um ihn in die angesprochenen kosmischen Harmonien einzustimmen. Maier hat sich also um eine höchst modern anmutende Aktivierung des Lesers über Genre- Grenzen hinweg bemüht.

Nach Rudolfs Tod reiste Michael Maier über Holland nach England, wo er mit dem bedeutenden Rosenkreuzer Robert Fludd zusammen traf, aber auch mit dem gemeinsamen Verleger Boy of Oppenheimer. Mit auf dem Programm standen aber auch wichtige politische Gespräche auf der Ebene des Königshofs - auch für die Zeit nach Rudolfs Tod in Böhmen. Am Vorabend des verheerenden 30jährigen Krieges starb Michael Maier.

Er war das beste Beispiel für die tatkräftige, vernünftige, politisch engagierte Kooperation von Alchemisten und Rosenkreuzern, die die kosmische Vernunft im physischen Handeln und Denken verankern wollten- auch um zu verhindern, dass die schon lange aufgestauten, katastrophalen religiösen Differenzen zwischen Juden, zerrissenen Christen und Muslimen zur Explosion führen würden. Mit Rudolfs Entmachtung und Tod geschah aber genau das; die intriganten, reaktionären katholischen Kräfte und protestantische Extremisten prallten aufeinander, verfolgten die große jüdische Gemeinschaft in Prag und schwächten sich in der Auseinandersetzung mit der seit 1604 wieder stärker heran drängenden osmanischen Weltmacht.

Das von Rudolf Steiner für alte Kulte typische „Sonnenglänzen des Sanktissimums“ war für die Hunderten von Alchemisten, die im Habsburger- Reich Rudolf II verteilt - nicht nur an seinem Hof- zu einem spirituellen Ringen um eine höhere Vernunft und Erkenntnis geworden, die vor allem - vergeblich- bemüht war um eine innere Befriedung der fanatisierten christlichen Kräfte. Für die päpstlich- spanische Fraktion mit den sie mit allen Mitteln unterstützenden Orden war der ketzerische Feind am Hof Rudolfs II ebenso gefährlich wie die von außen herein drängenden osmanischen Heere, denn die Alchemisten und Rosenkreuzer suchten ein überkonfessionelles Christentum und sahen sich in der Tradition hermetischer Einweihungsmethoden. Mit dem herein brechenden 30jährigen Krieg und der grassierenden Pest wurden diese Bemühungen dem Erdboden gleich gemacht.

Rudolf Steiner stellt - wobei er namentlich Rudolfs Hof- Astronomen Tycho Brahe hervor hebt- sogar eine Verbindung her zwischen dem alchemistischen Impuls und den Christus-Suchern Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen er vermutlich den anthroposophischen Kern sieht - beide in der Tradition des Michael- Impulses: „Und Tycho Brahe hatte bedeutenden Einfluß darauf, daß diese Seelen nun am Ende des 19. Jahrhunderts vorbereitet auf die Erde herunterkamen, um den Christus nicht nur so zu schauen oder zu fühlen, wie ihn die verschiedenen Bekenntnisse fühlen, sondern wiederum in seiner grandiosen Weltherrlichkeit als den kosmischen Christus.“ (5)

_____________


1 Rudolf Steiner, Apokalypse und Priesterwirken
2 dito, S. 25
3 The Mercurial Emperor: The Magic Circle of Rudolf II in Renaissance Prague by Peter Marshall. Leider verzichtet die vorliegende Kindle- Ausgabe auf Seiten- Angaben
4 https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Maier_(Alchemist)
5 Rudolf Steiner, GA 238, Seite 93

Kommentare

  1. Bei dem beseligenden Gedanken an die Erhabenheit der
    Transsubstantiation verstummt jegliches Bedürfnis zur Diskussion und Debatte...

    s. birkholz

    AntwortenLöschen
  2. Danke für diesen interessanten Artikel auch stellt sich bei mir kein Bedürfnis ein nach.........

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mich interessiert es einfach. Der Hof Rudolf II ist einer dieser Knotenpunkte.. Man muss die Fäden & Personen nur aufdröseln, sich etwas entwickeln lassen und findet endlos weitere Spuren. Zum Beispiel waren hier auch die Personen vertreten, die zu den "linken" Logen in Schottland und London führen, die von von Halle idealisiert wurden.

      Löschen
    2. Eben, Knoten(punkte)!
      Und weil Verknotungen entstanden sind, welche den Lebensfluß abschnüren, ist Transsubstantiation notwendig geworden.
      Die nicht an Namentlichkeit gebundene Priesterschaft beschränkt sich auf das Wahrnehemen und die Pflege der Transsubstination, während gewisse Kreise schon wieder versuchen, Knoten an der Transsubstantiation anzubringen, durch die sie ihre Wirksamkeit steuern und beeinflussen können...

      Interessant ist das Thema ungemein - aber für mich eben 'Ohne Worte'...

      s.b.

      s.b.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Danke für Ihre Mitarbeit im Blog. Die Beiträge erscheinen z.Z. moderiert- d.h. zeitlich verzögert.

Egoistisch am meisten gelesen: